Alles im Griff

Ein "fast wissenschaftlicher" Überblick über unsere Entwickungsgeschichte

Seit Beginn der menschlichen Existenz begleitet uns das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Darin unterscheiden wir uns nicht von unseren tierischen Mitgeschöpfen. Erst hausten wir in Höhlen, dann haben wir gelernt, unsere Häuser selber zu bauen. Erst war unser Überleben abhängig vom Jagdglück, später züchteten wir Nutztiere. Erst ernährten wir uns von dem, was wir in der Natur draussen gerade fanden, dann lernten wir unsere eigenen Felder und Gärten zu bepflanzen und unsere Nahrung haltbar zu machen - sogar über das Verfallsdatum hinaus. Wir fanden auch heraus, wie wir Pflanzen und Tiere so manipulieren konnten, dass unsere Gewinne sich vervielfachten.

 

Ehe wir Blitzableiter, Feuerlöscher und Versicherungspolicen erfanden, beteten wir zu den Göttern und versuchten mit Opfergaben ihren Zorn zu besänftigen und sie davon abzuhalten, unser Leben oder unser Hab und Gut zu zerstören. Doch jede neue Errungenschaft machte uns stärker. Schliesslich entrissen wir den Göttern die Macht und erhoben selbst einen Herrschaftsanspruch auf die Erde und ihre Geschöpfe. Dabei half uns vor allem die Wissenschaft der Mathematik.

Früher erzählten wir Geschichten - nun begannen wir zu zählen. Das Leben schien plötzlich berechenbar - wenigstens für diejenigen, die das Privileg der Bildung besassen. Die gebildeten Mächtigen wussten wohl, dass das Leben noch einige freie Variablen enthielt. Doch für die reichte nun ein einzelner Gott anstelle der früheren Vielfalt an Gottheiten.

Um diesen immer noch unfassbaren Gott etwas greifbarer zu machen, wurden menschliche Stellvertreter eingesetzt:  Erst der Kaiser für die weltliche Allmacht und später der Papst für die himmlischen Bereiche. 

Nun waren die Verhältnisse geklärt, Staat und Kirche arbeiteten zusammen und hauptsächlich in die eigene Tasche, das Volk gab dem Kaiser was des Kaisers war, gehorchte der Kirche und hielt meistens Zucht und Ordnung und für die Ausnahmen gab es den Hexenhammer. Kurz und gut: man hatte das Leben im Griff -  so lange, bis die Aufklärung über uns hereinbrach!

 

Schuld daran war einmal mehr die Mathematik: Das gemeine Volk entdeckte das Rechnen! Es begann Eins und Eins zusammen zu zählen und unter dem Strich kam heraus, dass es von der weltlichen wie von der geistlichen Obrigkeit über den Tisch gezogen wurde. Das Volk begann erst zu revolutionieren, dann wurde es reformiert, will heissen: es lernte nun in der deutschen anstelle der lateinischen Predigt, die Obrigkeit wieder als "Schöpfungsordnung", das heisst als eine naturnotwendige Struktur anzuerkennen.

 

Doch helle Köpfe  hatten erkannt, dass die Menschheit für den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft eine neue Form brauchte: eine Gesellschaft, die für die Vermehrung heller Köpfe mehr tat als die bisherige.  Die Vernunft sollte allenthalben als universelle Urteilsinstanz gelten und dafür wurde die allgemeine Schul- resp. Bildungspflicht eingeführt.

 

Die Wissenschaft emanzipierte sich endgültig von Mythen und kirchlicher Bevormundung und definierte sich neu auf der Basis der wertfreien, objektiven und experimentellen Methodik. Von nun an war klar geregelt, was als wissenschaftlich galt und was nicht! 

 

Die hierarchischen Strukturen wandelten sich. Die weltliche und die geistliche Obrigkeit trat "in den Dienst des Volkes". Das schuf Platz an der Spitze der Machtpyramide für zwei neue Instanzen: die Wissenschaftspäpste und die Wirtschaftskönige. Das gemeine Volk wurde neu ettikettiert. Wir wurden nun je nach Blickwinkel entweder Laien (nicht zu verwechseln mit Lakaien) oder Konsumenten. Eine neue Gesellschaftsform, eine neue Ordnung war definiert, und jeder von uns wusste wieder, wo er (oder sie) hingehörte. Es wurde auch daran gedacht, uns zu schützen: Ombudsstellen, Konsumentenschützer, Über-wachungskameras, Verkehrserziehung...  Auch für diejenigen, die sich in dieser Ordnung nicht zurechtfinden können oder wollen, ist heute gesorgt. Ihnen steht wahlweise ein geistlicher oder ein psychologischer Seelsorger zur Verfügung, der ihnen dabei behilflich ist, sich den Gegebenheiten anzupassen und das Leben wieder in den Griff zu bekommen. 

 

Alles in Allem: Wir haben viel erreicht im Laufe unserer Geschichte! Seit kurzem haben wir sogar einen Ablaufplan fürs Probleme Lösen.

Oder wir holen uns einen Schamanen zu Hilfe. (Das ist nun wieder ohne Prestige-Verlust möglich seit dem denkwürdigen Sieg des Schamanentums über die Wissenschaft - siehe hier)

 

Und doch gibt es immer wieder Situationen im Leben, die uns aus der Fassung bringen - Situationen, in denen uns Alles, was wir im Griff zu haben glaubten, zwischen den Fingern zerrinnt.

 

So schlimm diese Momente sein mögen, in ihnen liegt immer auch die Chance, uns selber neu zu entdecken. Sie sind das Timeout in unseren Konditionierungen, die Öffnung in unserer festgemauerten Weltsicht.

 

Was ich "im Griff habe", läuft Gefahr zu erstarren. Das Leben jedoch ist Bewegung - ein immerwährendes Werden und Vergehen. Wenn es sich in seiner ganzen Grösse entfalten soll braucht es einen offenen Spielraum.

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