Verstehen heisst in den Schuhen des Anderen zu gehen

Verstehen heisst, sich vorbehaltlos in die Situation des Gegenübers zu stellen, mit seinen Augen zu sehen, mit seinen Ohren zu hören...

Für diese Art von Verständnis sind Worte, ist die Sprache oft nicht notwendig.

Die Sprache beginnt oft da, wo wir nicht mehr fähig sind zum wortlosen, stillen Ein-Verständnis.

Es wird viel gesprochen in unserer Zeit!

Tagtäglich benutzen wir das Werkzeug der  Sprache. Sprache ist uns so nah und vertraut, dass es vielleicht seltsam erscheint, sich Gedanken darüber zu machen. Doch wenn wir einmal damit anfangen kann es sein, dass sich uns plötzlich neue Räume öffnen im Verständnis unserer Sprache und im Verständnis unserer selbst und unseres Daseins.

 

Sprache kann faszinieren. Der lateinische Ursprung "fascinare" bedeutet übersetzt "beschreien, behexen, verzaubern". Dies sagt schon eine Menge über das Wesen der Sprache aus. 

Sprache löst Erfahrungen und Eindrücke aus ihrem verschwommenen Hintergrund, grenzt sie von anderen Eindrücken ab und macht sie dadurch klar und fest - dingfest. 

Das Wort Ding hat seinen Ursprung im "Thing", der altgermanischen Volks- und Gerichtsversammlung. Im Mittelhochdeutschen heisst das Gegenteil für dingfest "dincvlühtec" und bedeutet, sich dem Gericht durch Flucht zu entziehen. 

Worte haben also die Macht, das Benannte abzugrenzen vom Unbenannten und/oder Anderen.

Sprache ist ein schöpferischer Akt, der das Unfassbare, das Ungeformte in die fassbare aber begrenzte Welt der Formen bringt. Die Schöpfung selbst, d.h. der Begriff für die Form, ist  "nur" eine Abstraktion der Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit selbst. Diesen Umstand vergessen wir oft im Umgang mit unserer Sprache. Wir verwechseln unsere Gedanken und Aussagen über die Geschehnisse mit dem Geschehen selbst.

In Wirklichkeit hinkt das gesprochene oder gedachte Wort dem Geschehen hinterher oder aber es eilt ihm voraus. Die Sprache kann nur Vergangenes festhalten oder Zukünftiges vermuten. (Im Althochdeutschen hatte das Wort "muoten" die Bedeutung von "etwas verlangen, nach etwas trachten".  Noch immer bezeichnen Rutengänger und Pendler ihre Tätigkeit mit dem Wort "muten",)

 

Die menschliche Sprache ist ein machtvolles Instrument; doch es gelingt ihr nicht - oder nur in seltenen Fällen - die Gegenwart, das was in eben diesem Moment in Erscheinung tritt, "einzufangen". Sie kommt immer einen Schritt zu spät, da sie das Geschehen der Wirklichkeit erst in passende "Begriffe" übersetzen muss.

 

Mystikern und Schamanen war diese Eigenheit der Sprache schon immer bekannt. Sie wussten lange vor den Quantenphysikern, dass die sinnlich wahrnehmbare und für die Sprache fassbare Wirklichkeit nur ein winziger Bruchteil des grossen unbegrenzten EINEN ist. Sie hatten verschiedene Namen für dieses EINE, für das die Quantenphysiker heute den nüchternen Ausdruck "quantenmechanische Wellenfunktion" verwenden: buddhistische, konfuzianische und taoistische Lehren sprachen von der "Leere", dem Tao, indianische Kulturen vom "Grossen Geist", die australischen Aborigines von der "Traumzeit". Allen diesen Lehren ist aber eines gemeinsam: Das Wahre und das Wirkliche ist nur im persönlichen Erleben des unbegrenzten EINEN zu finden. 

Aus dieser Traumzeit, dieser Leere, dieser allumfassenden Potenzialität formiert sich unsere fassbare Wirklichkeit in jedem Augenblick und wird von uns Menschen abstrahiert, d.h. in Sprache übersetzt - als ein Abbild, eine "Kopie" (oft auch eine Fälschung) des Originals. 

 

Sprache - auch und gerade die eigene Muttersprache - verstehen wir besser, wenn uns der Kontext, in dem die Begriffe verwendet werden, bekannt ist. Den Sinn der Aussage, "das ist ein wundervolles Blatt", verstehe ich erst, wenn mir bekannt ist, ob es hier um Botanik, Papier oder ein Kartenspiel geht.

 

Sprache als ordnendes, trennendes, sezierendes Werkzeug

 

Je grösser und unüberblickbarer der Wissensstand unserer Gesellschaft wird, desto notwendiger brauchen wir  Spezialisten. Und diese Spezialisten grenzen ihre Wissensgebiete so klar als möglich von den jeweils anderer Gebieten ab.

 

"Nur wenige Laien sind sich bewusst, dass sich die verschiedenen Abteilungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft hermetisch gegeneinander abschotten wie Schlachtschiffe mit geschlossenen Luken."

(James Gleick, aus "Chaos: die Ordnung des Universums")

 

Innerhalb jeder Spezialisierung, innerhalb jeder Abgren-zung  verändert sich die Sprache. Die einzelnen Gruppen kreieren neue Wörter oder der Sinngehalt bereits bekannter Ausdrücke verändert sich. Der Turmbau zu Babel vollzieht sich also immer wieder von Neuem.

 

Wissenschafter benutzen Sprache vor allem als Mess-, Sortier- und Abgrenzugsinstrument. Im Bestreben, die Sprache von allem Zweideutigen und subjektiv Gefärbten zu befreien, wurde sie noch weiter abstrahiert und formalisiert. Bereits Galileo Galilei sagte:

 

"Mathematik ist die Sprache, in der Gott das Universum schrieb."

 

 

Sprache als kreativ schöpferisches Mittel 

 

Doch Mystiker, Schamanen, Clowns und Künstler sehen in der Sprache vor allem den subjektiv schöpferischen Aspekt. Wenn der Medizinmann/die Medizinfrau in der Funktion des Schamanen spricht, dann ist auch seine/ihre Sprache die "Medizin". Und diese Medizin wird in jedem Moment neu aus "dem grossen Geist", der grossen Stille, der Leere, der Traumzeit "geschöpft". Das heisst, die schamanische Sprache (emotional gefärbte Worte,Töne, Bilder, Geräusche...) gilt nur für diesen bestimmten Moment und für diesen bestimmten Menschen. Zu einer anderen Zeit, für einen anderen Menschen braucht es vielleicht eine andere Sprache.

Die Sprache des Schamanen ist in dem Sinne "nicht wiederholbar". Ihren Wahrheitsgehalt misst er an der Wirkung, die sie in dieser speziellen Situation ausübt.

 

Im Gegensatz dazu misst die Wissenschaft den Wahrheitsgehalt einer Aussage an deren "Wiederholbarkeit mit unveränderlicher Geltung und Wirkung".

 

 

Zurück zum Ursprung der Sprache als Mittel für Verständigung

 

Es ist nicht verwunderlich, dass Schamanen und Mystiker auf der einen Seite und Wissenschaftler auf der anderen Seite sich über lange Zeit mieden, da sie "verschiedene Sprachen" verwendeten.

Umso erfreulicher ist die zunehmende Tendenz, sich einander anzunähern, einander verstehen zu wollen. Brückenglied ist heute  u.a. eines der jüngeren Kinder der Wissenschaft: die Psychologie.

 

In ihren Anfängen orientierte sich auch die Psychologie an den oben skizzierten wissenschaftlichen Massstäben, so dass  Psychoanalytiker sich ihren Patienten gegenüber abgrenzen und möglichst neutral  emotionslos verhalten sollten. Doch mit der Gestaltpsychologie erhielt das Emotionale, das Subjektive wieder Einlass in diese Wissenschaft.

Dann entwickelte sich die prozessorientierte Psychologie; eine Methode, die sich mit der Wahrnehmung des Entstehens subtilster Erscheinungen und Empfindungen sowohl beim Klienten wie auch bei der Therapeutin beschäftigt. 

Der "Arbeitsplatz" der Prozessarbeiter befindet sich also am gleichen Ort, wo  Schamanen "arbeiten" - dort, wo sich die Leere, der grosse Geist, das Göttliche oder wie wir es auch benennen mögen in Zeit und Raum zu  manifestieren beginnt; dort wo der künftige Entwicklungsweg einer neuen Kreation im Begriff ist zu entstehen, also noch nicht absolut festgelegt ist. 

 

Beide Sprachen, die der Wissenschaft und die des Schamanismus, haben ihren Wert für die Entwicklung der Menschheit; doch sie gehören in verschiedene Welten. 

Die Sprache des Schamanismus ist in der Welt des Werdens und Vergehens beheimatet, dort wo die Formen noch nicht oder nicht mehr klar  fassbar sind, dort wo der Spielraum offen ist für das Unerwartete, den intuitiven Geistesblitz.

Die Sprache der Wissenschaft gehört zur Welt des Fassbaren, des Klär- und Erklärbaren.

 

Ich glaube, es könnte unseren Erfahrungsraum erweitern und bereichern, wenn wir uns in beiden Sprachen zu verständigen lernten, anstatt uns für die eine zu entscheiden und die andere abzuwerten - wenn wir alle wieder die Kunst der Sprache als Verständigungsmittel erkennen und erlernen würden. 

 

 

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