Wie wir zu denen werden die wir sind

 

 

 

 

Jahreswechsel - Zeit der Rückschau, der Bestandesaufnahme, des Neuanfangs...

 

Was hat mich eigentlich zu der werden lassen, die ich heute bin?

Als ich mich heute Morgen dieser Frage überliess tauchte unversehens das Bild eines kleinen blonden Mädchens auf. Es stand vor mir, die kleinen Fäuste geballt, der ganze Körper sprühte Zornesfunken,  und es schrie mich an: "Nei, 's isch ebe nüd Wurscht!" (Nein, es ist eben nicht egal!)

 

Ich wusste sofort wer das Mädchen war, und die Erinnerung war so klar als hätte das Erlebnis sich gestern erst abgespielt - dabei liegt es nun mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

 

Unsere Familie wohnte damals in einem kleinen ländlichen Dorf. Es gab bloss drei Schulstufen mit je drei Jahrgängen: Unter-, Mittel und Oberstufe.

Für mich hatte eben das zweite Schuljahr begonnen, als die Lehrerin uns mit der Ankündigung überraschte, dass wir eine neue Klassenkameradin bekommen würden. Trix hiess sie, und sie war etwas Besonderes; denn sie kam aus dem Ausland. Ihre Eltern waren Missionare. Trix sollte in der Schweiz zur Schule gehen und würde deshalb nun bei ihren Grosseltern in unserem Dorf leben. Wir waren in heller Aufregung und überboten uns in Spekulationen und Fantasien über diese neue Mitschülerin. Als sie dann endlich eintraf, waren wir fast ein bisschen enttäuscht, dass sie hellhäutig und blond war wie die Meisten von uns auch. Doch wir merkten bald, dass sie sich doch in vielem Anderen von uns Dorfkindern unterschied. Wir Mädchen trugen die Haare meist zu Zöpfen geflochten. Trix' Haare waren kurz wie die der Jungen. Trotzdem kam sie mir vor wie eine Prinzessin aus einem meiner Märchenbücher. Sie war sebstbewusst, lebhaft, an allem interessiert und blitzgescheit, und sie wusste sich viel gewandter auszudrücken als wir.

Für gewöhnlich trafen wir Kinder uns draussen im Freien, wenn wir spielen wollten. Bei Trix gab es keine zufälligen Treffen. Man wurde offiziell und bereits einige Tage im Voraus mit einem selbst gestalteten Kärtchen zum Spielnachmittag eingeladen.

Diese Einladungskarten wurden für uns schnell zum Statussymbol. Wer eine erhielt, stieg im Ansehen der Klassenkameradinnen um einige Stufen auf. Kein Wunder, dass wir alles dafür taten, eine solche Einladung zu ergattern.

 

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Mischung aus Vorfreude und Nervosität, als die Reihe an mir war. Trix' Grossmutter empfing mich an der Haustüre und führte mich in ein helles Zimmer zu einem festlich gedeckten Tisch. Es gab ein Dessert namens Götterspeise, das ich bis dahin noch nie gegessen hatte, und es schmeckte köstlich, doch ich wagte kaum zuzugreifen. Es gefiel mir zwar sehr bei diesen Leuten und an diesem Ort; doch das Gefühl, nicht hierher zu gehören, nicht "gut genug" zu sein, hemmte und lähmte mich. Trix sprach mit ihren Grosseltern wie mit ihresgleichen. Es schien hier überhaupt keinen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen zu geben. Das war sehr ungewohnt für mich. 

Ich war hauptsächlich damit beschäftigt, nichts falsch zu machen. Die Grosseltern versuchten zwar alles, um mich in die Konversation einzubeziehen, aber ich glaube, mehr als ein "Ja" oder ein "Nein" brachten sie wohl nicht aus mir heraus. Mit hilfloser Verzweiflung spürte ich, wie Trix' Interesse an mir zu schwinden begann und - schlimmer noch - sich in leichte Gereiztheit wandelte.

Schliesslich wurde die Tafel aufgehoben und Trix und ich gingen ins Kinderzimmer, um zu spielen. Trix schlug eine Auswahl an Dingen vor, die wir tun könnten; aber ich wollte höflich sein und ihr die Entscheidung überlassen. Deshalb muss ich wohl auf all ihre Vorschläge mit "mir ist es egal" geantwortet haben, was dann schliesslich zu diesem Wutausbruch und diesem "Nei, 's isch ebe nüd Wurscht!" führte.

 

Heute erinnere ich mich nicht mehr, wie diese Einladung zu Ende ging, ob wir uns noch auf ein Spiel geeinigt haben oder ob dies der Schlusspunkt unserer Freundschaft war. Wahrscheinlich eher das Zweite, denn ich kann mich auch nicht an eine weitere Einladung erinneren. Doch das "Nein, es ist eben nicht egal!" ist geblieben und wurde zu einem Teil meiner selbst. Es sind diese für uns bedeutsamen emotionalen Erfahrungen, die uns für unser ganzes Leben prägen. 

Sogar Trixens Zorn wurde zu meinem eigenen. Auch heute, im Alter einer Grossmutter, ärgert es mich immer noch, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die - sei es aus Höflichkeit, aus Bequemlichkeit oder aus welchen Gründen auch immer - die Entscheidungen stets Anderen überlassen und sich selber nicht beteiligen.  Zornig werde ich vor allem dann, wenn dieselben Menschen die (von Anderen) getroffenen Entscheidungen kritisieren und bemängeln und im Nachhinein genau wissen, was das Richtige gewesen wäre.  

 

Wir wähnen uns allzu oft auf der "sicheren Seite", wenn wir  als unbeteiligte Zuschauer das Leben kommentieren. Was wir dabei vergessen ist, dass das Leben keine Zuschauertribüne, keine "sichere Seite" bietet, da es keine "halben Sachen" kennt. Leben ist nur als Ganzes zu haben. Wenn wir wirklich leben wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig als uns zu beteiligen und auf das zu antworten, was der Fluss des Lebens an uns heranträgt. Es gibt keine Anderen, die das für uns tun könnten.      

 

 

 

 

Ein Chirurg rühmte sich seiner großen Fähigkeiten.

Eines Tages kam zu ihm ein Soldat, dem aus der Schlacht noch ein Pfeil im Bein steckengeblieben war.

Der Chirurg nahm eine scharfe Schere, schnitt den Schaft des Pfeiles direkt über dem Bein ab und forderte seine Bezahlung.

"Aber Ihr habt doch gar nicht die Pfeilspitze entfernt!" klagte der Soldat.

"Das ist ein ‘inneres Leiden’ und geht mich nichts an" war die Antwort.

aus China

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