PANTA RHEI - ALLES FLIESST

 

Wissen und Weisheit

Ein Mensch, der behauptet zu wissen, ist schon tot. Aber ein Mensch, der denkt: „Ich weiss nicht“, der im Begriff ist zu entdecken, herauszufinden, der keinen Zweck verfolgt, der nicht denkt, dass er irgendwo ankommen oder etwas werden muss - ein solcher Mensch lebt, und dieses Leben ist Weisheit.

Jiddu Krishnamurti

 

Von jeher haben Menschen um Wissen gerungen und sich über die Brauchbarkeit von Wissen Gedanken gemacht. Mit dem Etikett „Weisheit“ haben sie das beste Wissen ausgezeichnet. Seit  Jahrtausenden gilt Weisheit als ein Ideal menschlichen Strebens und Lebens. Doch spätestens seit der Zeit der Aufklärung steht die "Weisheit" im Schatten des "Wissens". Einer der Konflikte, die daraus entstanden sind, ist der Streit zwischen Anhängern der biblischen Schöpfungsgeschichte und derer von Darwins Evolutionstheorie, der vor allem in den USA wieder verstärkt auflodert. Es ist ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der "Rechthaberkriege", das im Grunde nur aufzeigt, dass Wissen ohne Weisheit in Kampf und Zerstörung mündet.

Jede Kultur hat ihren Schöpfungsmythos.

Diese bildhaften Weltentstehungsgeschichten sind archaische Modelle, die sich zumindest in den Anfangsstrukturen weltweit ähneln. Fast allen diesen Schöpfungsmythen ist die Idee gemeinsam, dass aus dem Einen heraus eine Zweiheit entsteht, die dann eine Vielheit hervorbringt.

Im Folgenden vier Beispiele:

 

Aus dem Brihatkatha Upanischad, Indien:

Am Anfang gibt es nichts ausser dem Einen, welches die tiefen Gedanken der Ewigkeit denkt. Die Gedanken werden zu den Worten "Ich bin! Es gibt nichts anderes."

Mit dem Aussprechen dieser Worte wird dem Einen bewusst, dass es völlig alleine ist und damit überkommt es grosse Einsamkeit und Traurigkeit. Das Eine teilt sich in zwei Teile, aus denen jeweils Dunkelheit und Licht, Meer und Himmel, Berg und Tal, Mann und Frau entstehen.

Als Mann und Frau sich sehen, fühlen sie an Stelle der Einsamkeit die Gemeinsamkeit der Liebe, aus der Kinder entstehen, von denen alle Menschen der Welt abstammen.

 

Die Bibel, AT, Genesis:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, und Finsternis war überall. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Gott schied das Licht von der Finsternis und er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht...

 

Aus Polynesien:

Am Anfang existiert Taaora, welcher das ganze Universum ausfüllt. Er fühlt sich jedoch so einsam, dass er in die Einsamkeit hinein seine Stimme ruft und aus dem zurückkommenden Echo ein Lied macht.

Anfangs ist es ein leises Lied, aus welchem er das Meer und den Wind singt, die einzelnen Töne werden zu den Fischen.

Dann ändert Taaora sein Lied, um Land zu erschaffen. Sein Gesang wird noch lauter und er erschafft Himmel, Sonne, Mond und Sterne. Taora singt die Erde herbei und Insekten, Vögel und Tiere.

Als er sieht, dass die Welt vollendet ist, singt er die Menschen aus sich selbst heraus und sich selbst in sie hinein. So wurden die Menschen erfüllt von Licht und dem Lied der Welt.

 

Indianisch, nordamerikanischer Südwesten:

In die stille Dunkelheit erklang ein leiser Ton, der stetig lauter wurde. Es war das Heulen von Kojote, der sich um sein Heulen herum materialisierte. Kojote merkt, dass er in der Dunkelheit nicht laufen kann und erschafft mit seinem Atem Wind in Form einer Muschel. Er schleudert sie von sich und erschafft so den Himmel (den Raum).

Mit seinem Heulen schafft er Farben und zwei Scheiben, eine aus Gold, die Sonne, und eine aus Silber, den Mond. So trennt er den Tag von der Nacht.

Sein lautes Knurren erschafft Felsen, Hügel und Berge. Aus seinem leisen Knurren entstehen Wälder und Wiesen.

Mit seinem Jaulen erschafft er die Tiere.

Am Schluss erschafft er aus Uferlehm und seinem Atem die ersten Menschen, denen er aufträgt, die neue Welt mit Kindern zu bevölkern.

 

 

 

Eine Gemeinsamkeit all dieser Mythen ist der Wille, der aus dem Nichts entsteht und geäussert wird: ein Wort, ein Lied, ein Ton. Der Wille ist die Kraft, die bewegt, bewirkt, erschafft - das schöpferische Element.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist das Licht, das aus sich selbst heraus entsteht und das Helle vom Dunkeln, das Bewusste vom Unbewussten scheidet. Hier entsteht die Polarität und hier - in dieser polaren Welt - kommt der Unterschied, die Trennung, der Kampf auf die Bühne des Lebens. 

Die dritte Kraft dieser Schöpfungsmythen ist die Liebe, die die jeweiligen Pole zusammenhält, egal wie weit sie sich von einander entfernen. So gesehen ist Liebe nicht eine Sache, die wir wollen, haben oder machen können. Sie ist eine eigenständige und unveränderliche Kraft: Die Rückbindung (lat: religio) an das AllEine. Ohne diese dritte Kraft ist Schöpfung nicht möglich, denn die Pole würden auf ewig auseinander streben und es käme nie zur Vereinigung, die Neues zu schaffen vermag.

 

Wille, Bewusstsein und Liebe, das sind die drei Prinzipien, aus deren Zusammenwirken die Welt entsteht (und vergeht). Diese Wirklichkeit existiert für sich und jenseits jeder Moralvorstellung. Moralvorstellungen und daraus entstandene Regeln und Gesetze werden erst notwendig, wenn die Verbindung der Pole, die Kraft der Liebe fehlt.

 

Ich wünsche mir eine zukünftige menschliche Gemeinschaft, die das wissenschaftliche Wissen dem weisheitlichen Wissen zumindest gleichsetzt -   eine Gesellschaft, die sich selber als das EINE erkennt und sich so der ganzen Vielfalt des Lebens hingeben kann.