Die spirituelle Tradition der Inka

Die Q'ero

   Die Q'ero, eine kleine Volksgruppe der Provinz Paucartambo in den peruanischen Anden, wurden erst 1955 von der westlichen Welt "entdeckt". Bereits 6 Jahre zuvor, während eines traditionellen Festes in der Stadt Paucartambo, waren dem Anthropologen Dr. Oscar Nuñez del Prado einige Männer aufgefallen, die sich in Quechua, der alten Sprache der Inka, unterhielten. Später leitete er eine erste wissenschaftliche Expedition zu den abgelegenen Bergdörfern auf 4000m Höhe.

   Zu seinem Erstaunen entdeckte er, dass es sich bei diesem Volk um direkte Nachfahren der Inka handelte. Sie hatten die Traditionen und das Wissen dieser Hochkultur über 5 Jahrhunderte hinweg bewahrt - in mündlicher Überlieferung, da sie keine Schrift kannten. 

   1955 veröffentlichte Dr. Nuñez den Mythos von Inkarri. Der Kern des Mythos beinhaltet auch eine Prophezeiung des letzen Inka-Königs,  vor seiner Ermordung durch die Spanier, wonach er wiederkehren und die Ordnung des Inka-Reiches wiederherstellen werde. (In der Überlieferung ist Inkarri u.a. der Gründer der Inka-Hauptstadt Cuzco.) Dieser indigene Inkarri-Mythos war den Europäern und ihren Nachfahren jahrhundertelang nicht bekannt.

 

Meine Lehrer 

   Alles, was ich über die Geschichte und die Tradition der Q'ero kennen gelernt habe, habe ich von Juan Nuñez del Prado und seinem Sohn Ivan erfahren. Wie Juans Vater Oscar ist auch er Anthropologe und hatte eine Professur an der Universität von Cuzco inne. Er führte die Forschungen seines Vaters weiter und spezialisierte sich auf die spirituelle Kultur der Inkas und ihrer Nachfahren. Er wurde über Jahrzehnte hin von indigenen Meistern in Mythologie, Traditionen, Energie- und Heilarbeit eingeführt. Heute trägt er bei den Q'ero den Titel eines Alto mesayoq (vergleichbar mit "Hohepriester") und hält, zusammen mit seinem Sohn Ivan, weltweit Vorträge und Seminare zu diesen Themen.

   An dieser Stelle danke ich Juan und Ivan Nuñez del Prado, aber auch Hans-Martin Beck und Elke Steinbach, die mir mehr über die energetische Heilarbeit der andinen Tradition gezeigt haben. Sie alle waren/sind die besten Lehrer für mich, die ich mir wünschen konnte.

 

 

   Der Grund,  weshalb ich dieses Wissen gerne weitergebe, kommt in einer der Schöpfungslegenden der Q'ero zum Ausdruck, die uns Ivan Nuñez del Prado erzählt hat (s. nächster Abschnitt). Die Essenz aus dieser Legende ist für mich dieselbe, wie wir sie beispielsweise auch bei Georges Iwanowitsch Gurdjieff finden: Es ist die Verheissung des menschlichen Seins in seinem vollständig entwickelten Potential von  Kopf, Herz und Hand.

   In der Tradition der Anden hat diese Aufzählung eine andere Hierarchie. Hier heisst sie:  Herz, Hand und Kopf.

   Die hoch entwickelte Kultur der Inkas hat sich in ihren Forschungen vor allem mit der Weisheit des Herzens und des Körpers beschäftigt und dabei einen grossen Schatz an kraftvollen energetischen Übungen entwickelt. Die westliche Kultur hat ihren Schwerpunkt auf das logische Denken ausgerichtet und ihrerseits grossartige Erfindungen gemacht, die uns das alltägliche Leben wesentlich erleichtern können.

   Heute geht es nun nicht mehr darum, Hand Kopf und Herz hierarchisch zu ordnen. Es geht darum, das Potential aller drei menschlichen Fähigkeiten - Fühlen, Denken, Handeln - zu entwickeln, auszubilden und in Harmonie zu bringen.

   So sehen dies auch die heute bekannten Alto Mesayoqs wie Don Juan Nuñez del Prado. Deshalb haben sie begonnen, in die westliche Welt zu reisen, um ihr Wissen mit uns zu teilen und von unserem Wissen zu lernen.

 

 

Eine Schöpfungslegenden der Inka Tradition

   Wiraqocha (Vater Kosmos) zeugte mit Mama Killa (Mutter Mond) die Ñaupa Runa (= „alte Menschen“). Das waren sehr kraftvolle Wesen. Sie konnten große Berge auftürmen und tiefe Täler graben. Und so begannen sie damit, die Erde umzugestalten. Wiraqocha gefiel dies, da er selber das Schaffen und Schöpfen liebte. Also beschloss er, den Ñaupa Runa noch mehr Kraft zu schenken. Doch die waren selbstgefällig und lehnten das Geschenk ab. Damit brachen sie jedoch das Gesetz von Ayni, dem Ausgleich von Nehmen und Erhalten.  Um sie dafür zu bestrafen, schuf Wiraqocha die Sonne (Tata Inti). Tata Inti brannte so heiß und  leuchtete so hell, dass die Ñaupa Runa ins Innere der Erde flüchteten. Tata Inti war jedoch neidisch auf Mama Killa, und er streute Asche auf sie, um ihr Leuchten abzuschwächen.

   Wiraqocha entschied, die nächste Schöpfung etwas kleiner zu gestalten. So schuf er jeweils paarweise kleine, ganz verschiedene Tonfiguren. Jedes dieser Paare unterschied sich von den anderen. Die Pärchen pflanzte er überall auf der Welt in die Erde. Dann rief er das Feuer und befahl ihm, die Pärchen fertig auszubacken. Diese neuen Menschen, die Runa Kuna, waren arbeitsam und begannen, all die vielfältigen Kulturen auf der Erde zu erschaffen.

   Wiraqocha war hoch zufrieden mit seiner neuen Schöpfung, so sehr, dass er gleich mit kreieren weiterfahren wollte. Er ging zum Titicacasee und kreierte Inkarri und Qollari - ein Paar, das er mit der Energie Munay (= Liebe) ausstattete. Er gab Inkarri einen goldenen Stab und befahl ihm, den Stab im Gehen immer voraus zu werfen, solange, bis dieser genau senkrecht in der Erde stecken bleiben würde. Dort sollten Inkarri und Qollari eine Stadt bauen und die Menschen Munay lehren - Inkarri die Männer und Qollari die Frauen.

   Inkarri und Qollari taten wie geheißen; doch sooft Inkarri es auch versuchte, nie blieb der Stab senkrecht in der Erde stecken. Entweder landete er flach auf der Erde oder er steckte nicht senkrecht genug. Endlich, nach vielen Tagen und langer Wanderung, gelang Inkarri ein guter Wurf. Der Stab steckte fast senkrecht in der Erde - aber eben nur fast. Doch die beiden fanden, dass dieser Wurf gut genug war. Also bauten sie an dieser Stelle die Stadt Q'ero, und Inkarri begann die Männer zu unterrichten und Qollari tat dies mit den Frauen. Doch Wiraqocha machte Inkarri auf den Irrtum aufmerksam. Also machte sich das Paar wieder auf den Weg, bis es Inkarri gelang, dass der Stab genau senkrecht in der Erde stecken blieb. Dort bauten sie die heutige Stadt Cuzco und unterrichteten die Runa Kuna, welche ja bereits die Fähigkeit zu arbeiten hatten, in der Fähigkeit zu lieben. Die Nachkommen der Runa Kuna, die Kinder der Arbeit, bildeten das Volk; die Nachkommen von Inkarri und Qollari, die Kinder der Liebe, bildeten den Adel.

   Mit der Zeit vergaßen die Adeligen jedoch, Ayni (das Gesetzt des Ausgleichs) zu praktizieren, da sie glaubten, die Kraft der Liebe sei wertvoller als die Kraft der Arbeit. Also sah sich Wiraqocha gezwungen, eine 3. Art Menschen zu erschaffen, die er mit der Kraft des Verstandes ausstattete. Diese Menschen sandte er nach Südamerika, um die beiden anderen Menschengruppen zu erziehen.

   Wiraqocha wird wieder erscheinen. Er wird jedoch keine neue Art Menschen mehr erschaffen, sondern die Menschen werden lernen, alle drei Kräfte gleichwertig zu leben. Das wird der Anfang eines neuen Zeitalters (Taripay Pacha) sein. Darin werden die Menschen - so unterschiedlich sie auch sein mögen - harmonisch zusammen leben.