Das Fassbare und das Unfassbare

Was für uns fassbar ist, was wir be-greifen, das haben wir meistens auch im Griff. Ich finde es lohnt sich, gedanklich ein bisschen mit diesen Be-griffen herumzuspielen.

Im Begriff Begreifen versteckt sich scheinbar der Griff nach etwas.

Wenn wir etwas in den Griff kriegen wollen, müssen wir uns erst mal diesem Etwas zuwenden, nach ihm greifen. Es gibt diverse Gründe, die uns dazu bewegen:

  • Ich will dieses Etwas zu mir heran ziehen, weil es -  aus welchem Grund auch immer - mein Interesse geweckt hat. Ich will es in die Reichweite meiner Sinnesorgane bringen, damit ich es betrachten, betasten, begreifen und dann die Gesamtheit meiner Sinneswahrnehmung mit meinem Verstand ordnen und erfassen kann.
  • Ich will mir dieses Etwas - aus welchem Grund auch immer - gefügig machen. Es soll "nach meiner Pfeife tanzen". Ich will es beherrschen, ich will es in den Griff kriegen.


Etwas im Griff zu haben geht im allgemeinen mit angenehmen Gefühlen einher: wir kennen uns damit aus, fühlen uns damit sicher und es steigert unser Selbstvertrauen

Der Wunsch, mit diesem "Griff" unser Wohlergehen zu steigern ist also der eine Aspekt unseres Bedürfnisses, etwas in den Griff zu kriegen. Ich glaube aber, dass es auch noch einen tiefer liegenden Beweggrund gibt. Könnte es sein, dass die wahre Motivation für dieses Bedürfnis bei unserer unterschwelligen Angst vor der eigentlichen Unfassbarkeit und Unberechenbarkeit des Lebens zu finden ist?  Etwas fest im Griff zu haben ist ja auch ein bisschen wie ein Geländer, das uns Halt gibt, wenn uns das Leben wieder mal unsere Fassung zu rauben droht.

 

Wenn diese Annahme stimmt, dann gilt es, die folgenden zwei Themen etwas näher zu betrachten:

  • Achtsamkeit
  • Vertrauen

Achtsamkeit


Jon Kabat-Zinn erklärt Achtsamkeit mit diesen Worten:

       

        Achtsamkeit ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit. Einfach 

        gesagt bedeutet Achtsamkeit nicht urteilendes Gewahrsein von Moment

        zu Moment. Dabei beurteilen wir unsere Erfahrungen nicht nach gut oder

        schlecht oder danach, ob wir diese Erfahrung mögen oder nicht mögen.

 

Das tönt ganz einfach, ist es aber nicht. Gewohnheitsmässig bewerten wir unsere Erfahrungen ständig. Überprüfe es selbst, und du wirst feststellen, dass dem so ist.

 

Doch was hat Achtsamkeit mit unserem Thema zu tun?

Thích Nhất Hạnh spricht vom "Wunder der Achtsamkeit" und Henry David Thoreau vom "Erblühen des gegenwärtigen Augenblicks". Wenn wir jedoch dieses Erblühen verpassen, weil unsere urteilenden Gedanken und die dazu gehörigen Gefühle uns im Griff haben, dann verpassen wir damit auch das Leben, wie es sich uns darbietet; denn wir können unser Leben nur in einzelnen Augenblicken leben. Wir erfahren einen Moment nach dem anderen.

Dieser Moment, genau jetzt, ist also entscheidend.

 

Jon Kabat-Zinn: "Deshalb ist die Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment so wichtig: Es ist der einzige, den wir je erfahren werden - um zu leben, um etwas zu fühlen, um zu wachsen oder geheilt zu werden, um zu lernen oder um unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen... Man könnte sagen, dass das Ignorieren (des jetzigen Momentes) zu einer Form der Unklarheit und Unwissenheit führt, die unser Leben dauerhaft überschatten kann. Möglicherweise vergessen wir, wer wir wirklich sind. Wir verlieren den Kontakt zu unseren leuchtenden Qualitäten, zu unserem Herzen und zu unserem eigenen Lebensweg".  Kabat-Zinn: Das Abenteuer Achtsamkeit

 

In dem Masse, wie wir dem Leben mit Achtsamkeit begegnen können, wird sich unsere Angst vor dessen Unberechenbarkeit legen und damit auch unser Bedürfnis,  es mit verkrampfter Anstrengung in den Griff zu bekommen.

Vertrauen


Albert Einstein gilt noch heute als einer der klügsten Menschen der Welt. Er wurde zu seinen Lebzeiten von vielen Menschen um Rat angesucht. Einem ratsuchenden Mann schrieb er einmal folgende Worte:

 

"Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als abgetrennt von allem anderen - eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist für uns ein Gefängnis, da sie uns auf unsere eigenen Vorlieben und auf die Zuneigung zu wenigen Nahestehenden beschränkt. Unser Ziel muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Horizont unseres Mitgefühls erweitern, bis er alle lebenden Wesen und die gesamte Natur in all ihrer Schönheit umfasst. Niemand kann das vollständig erreichen, aber das Streben nach solch einer Errungenschaft ist selbst schon ein Teil der Befreiung und eine Grundlage für innere Sicherheit."

 

Aus Achtsamkeit erwächst wahres Wissen, d.h. Weisheit, daraus entwickelt sich innere Sicherheit, und innere Sicherheit geht Hand in Hand mit Lebensvertrauen.